Angriffskrieg auf die Ukraine, Corona-Pandemie und andere Krisen: Das alles können wir kaum beeinflussen und dennoch könnten auch wir etwas bewirken, schreibt Kinderarzt Dr- S. H. Nolte und erklärt auch, wie.

Wenn man sich die Bilder des Angriffskrieges auf die Ukraine anschaut und sieht, in welchem Umfang dort Menschen getötet und verletzt, Recht gebrochen, Sachwerte vernichtet und die Umwelt zerstört wird, kann man nur entsetzt sein. Am allerschlimmsten trifft es einmal mehr die Kinder, egal ob sie in Keller und Luftschutzbunker oder ganz aus dem Land fliehen müssen. Gerade für uns Pädiater ist das besonders schwer zu verkraften.

Dagegen werden bei uns täglich Wehwehchen hochstilisiert und problematisiert und diese dann auch noch übertherapiert. Zudem wird über fehlendes Sonnenblumenöl, Nudelangebot, Toilettenpapier und steigende Benzinpreise gejammert und der russische Gasimport für unverzichtbar gehalten. Da fehlen einem die Worte.

Selbst der grüne Bundeswirtschaftsminister betont, dass Deutschland derzeit definitiv russisches Gas braucht. Die Diskrepanz zwischen dem Einsatz ihres Lebens, mit dem die Ukrainer für ihre Freiheit kämpfen, und der fehlenden Leidensbereitschaft der deutschen Bevölkerung, die immer alles möglichst billig und möglichst reichlich haben will, ist abgrundtief.

Die Corona-"Krise", von französischen Philosophen als "Pandémie de la peur" bezeichnet, hat schon gezeigt, wie viel Angst erzeugt und ertragen werden musste und wie stark die urmenschlichen Bedürfnisse nach Nähe, Berührung und Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden. Jetzt kommt mit dem Krieg erneut eine Bedrohung auf uns alle zu, derer Dimension noch niemand einschätzen kann.

Klar ist allerdings schon jetzt, dass dieser Krieg gerade bei denen zu Kollateralschäden führt, die sich nicht artikulieren und damit auch kaum wehren können: bei alten Menschen, Einsamen, Kranken und vor allem Kindern. Über deren Sorgen und Ängste hört man, im Gegensatz zu Roten Linien, Aufrüstung oder vollen Fußballstadien, verhältnismäßig wenig. Die schwächsten Glieder in der Kette müssen immer wieder erneut am meisten aushalten und leiden darunter massiv.

Doch es gibt auch Nutznießer. Im Falle von Corona die Gesundheitsindustrie, die meiner Heimatstadt Marburg mehr Gewerbesteuereinnahmen eingebracht hat, als der gesamte städtische Haushalt kostet. Und im Falle des Ukrainedesasters vor allem die Kriegsindustrie.

Das alles können wir kaum beeinflussen und dennoch könnten auch wir etwas bewirken: Indem auch wir uns – ein wenig – einschränken, zum Beispiel durch einfache Sparmaßnahmen. Und durch den Verzicht auf die Gasimporte aus Russland, womit wir dann den Preis für unsere Freiheit zahlen würden. Sonst kann es am Ende sehr teuer werden, wenn wir als Einzelpersonen, als Land und als Gesellschaft alles immer nur unkompliziert und bequem haben wollen.

Spätestens jetzt müssen wir deshalb auch an einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen, mit der Umwelt, mit den Bodenflächen erinnern. Es geht auch hier um nicht weniger als die Zukunft und die Freiheit unserer Kinder, die es mindestens genauso zu verteidigen gilt wie die NATO-Grenzen. Wir Pädiater als Anwälte der Kinder sollten uns dafür in ganz besonderer Weise einsetzen.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2022; 93 (3) Seite 158