Kinder und Jugendliche zeigen seit Beginn der Pandemie deutlich gestiegene Prävalenzen für psychische Belastungen, z. B. Angststörungen, Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten. Einige vulnerable Gruppen trifft es besonders.

Einleitung

Die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung haben das Leben von Kindern und Jugendlichen und ihren Familien in den vergangenen zwei Jahren deutlich geprägt. Zwar sind Kinder und Jugendliche weniger von direkten Auswirkungen durch Infektionen mit SARS-CoV-2 betroffen. Dagegen sind die indirekten Auswirkungen – beispielsweise infolge von Lockdowns, Distanzierungsmaßnahmen und Schulschließungen – erheblich. Auch die Auswirkungen auf das Familienleben durch das Arbeiten im Homeoffice, Verlust des Arbeitsplatzes oder schwere Erkrankungen bzw. Tod von Angehörigen wirken sich auf den Alltag und das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen aus. Mit zunehmender Dauer der COVID-19-Pandemie mehren sich nun auch Studien, die die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen und auf die Belastungssituation der Familien quantifizieren [1 – 3].

Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen sind in diesem Kontext eine besonders vulnerable Gruppe, die im Hinblick auf ihre Gesundheit auf mehr Unterstützung angewiesen ist als andere Gleichaltrige [4]. Ein Großteil der Therapie-, Versorgungs- und Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen waren insbesondere zu Beginn der Pandemie nicht verfügbar. Darüber hinaus sind viele Familien auf ein gutes Zusammenwirken der Unterstützung aus unterschiedlichen Systemen angewiesen, z. B. wenn für den Kindergartenbesuch die Anwesenheit einer Integrationskraft erforderlich oder zum Transport in die Einrichtung ein Fahrdienst notwendig ist. Der Ausfall eines oder mehrerer Elemente des Unterstützungssystems konnte durch Eltern nur in begrenztem Umfang kompensiert werden und führte zu zusätzlichen Belastungen [5].

Wir werden im Folgenden Ergebnisse aus Studien vorstellen, die sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf die Belastungssituation von Kindern mit und ohne chronische Erkrankungen und ihren Eltern beschäftigen. Dieser Blickwinkel auf das Pandemiegeschehen erscheint uns aus zwei Gründen bedeutsam: Zunächst ist für die klinische Patientenversorgung eine realistische Einschätzung des möglichen Einflusses der Pandemie auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen ein wichtiger Gesichtspunkt. Des Weiteren hat die Pandemie wichtige gesellschaftliche Sollbruchstellen offengelegt. Viele politische Entscheidungen, die im Rahmen der Pandemie oftmals in kurzer Zeit getroffen wurden, hatten weitreichende Auswirkungen auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Wenn Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte Einfluss nehmen und dazu beitragen möchten, die Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen insbesondere aus vulnerablen Gruppen zukünftig zu verbessern, sind belastbare Daten eine wesentliche Voraussetzung.

Welche relevanten Studien gibt es?

International und national gibt es eine Vielzahl von Studien, in denen die vielfältigen Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche untersucht werden. Ein systematisches Review ist im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich. Dennoch möchten wir im folgenden Abschnitt die wichtigsten Ergebnisse größerer Studien vorstellen:

Mehrere Studien, die sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beschäftigt haben, deuten auf einen Anstieg der Prävalenz von Depression und Angststörungen hin. Eine Übersichtsarbeit beschreibt weltweit eine Verdopplung der Prävalenzen für Depression auf 25,2 % und auf 20,5 % für Angststörungen [3]. Eine nicht repräsentative Längsschnittstudie aus England (Co-SPACE-Studie) konnte in der ersten Welle der COVID-19-Pandemie zwischen März und Mai 2020 eine deutliche Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern im Alter zwischen 4 – 10 Jahren nachweisen, insbesondere einen Anstieg von Verhaltensproblemen [1]. Besonders betroffen waren Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen und Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder mit neurodevelopmental disorders. Diese Kinder hatten eine höhere psychische Belastung zu Beginn der Studie, die im Verlauf zunahm und auf erhöhtem Niveau stabil blieb.

Die deutsche COPSY-Studie hat die zeitlichen Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in einer deutschlandweit repräsentativen Stichprobe in mittlerweile drei Erhebungswellen untersucht. Die Prävalenz psychischer Probleme stieg von 17,6 % vor Beginn der Pandemie auf 30,4 % im Mai bis Juni 2020 an. Obwohl in der dritten Welle (September bis Oktober 2021) eine leichte Erholung mit einer Abnahme psychischer Probleme auf 29,1 % festgestellt werden konnte, gaben immer noch 35,1 % der Teilnehmer eine niedrige Lebensqualität an – Werte, die mehr als doppelt so hoch lagen wie vor der Pandemie (15,3 %) [6]. Zudem wird eine statistisch signifikante Zunahme an psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen, Gereiztheit und Schlafproblemen beschrieben. Im Zeitraum Dezember 2020 bis Januar 2021 gaben 46,4 bzw. 47,2 % der Kinder und Jugendlichen Kopfschmerzen oder Schlafprobleme und 57,2 % Gereiztheit an [2].

Die COVID-19-Kindernetzwerkstudie

Wir haben an der Klinik für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen des Uniklinikums Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Kindernetzwerk e. V. in einer deutschlandweiten Querschnittsstudie von August bis Oktober 2020 Familien mit chronisch kranken und gesunden Kindern zu den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie befragt [7]. Der Fokus lag dabei auf dem psychischen Wohlbefinden der Kinder und Eltern und Unterschieden anhand des sozioökonomischen Status sowie Pandemie-assoziierter Belastungsfaktoren.

An der ersten Befragungswelle nahmen 1.619 Familien teil. Von diesen hatten 41,4 % (n = 671) ein Kind mit chronischer Erkrankung oder Behinderung anhand des CSHCN-Screeners (Children with Special Healthcare Needs Screener) [4]. Dieses Instrument identifiziert Kinder und Jugendliche mit chronischen körperlichen und psychischen Erkrankungen auf Basis von erhöhtem Bedarf an medizinischer Versorgung, psychosozialer oder pädagogischer Unterstützung.

Bei 30,9 % der Eltern zeigte sich ein auffälliges Depressionsscreening (WHO-5 Well-Being-Index) und 57,4 % der Kinder hatten psychische Probleme (SDQ, Strengths and Difficulties Questionnaire). Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen waren häufiger von psychischen Problemen betroffen als gesunde Kinder (χ2 = 106,6, p < 0,001; Abb. 1).

Zudem zeigte sich ein Gradient anhand des sozioökonomischen Status (Abb. 2). Dieser umfasste Bildung, Einkommen und Beruf der Eltern, die in einem Index zusammengefasst wurden. Anhand des Index wurde die Stichprobe in 3 Gruppen eingeteilt: niedriger, mittlerer und hoher sozioökonomischer Status. So konnten die 20 % am niedrigsten mit den 20 % am besten gestellten Familien verglichen werden. Kinder mit chronischen oder komplex chronischen Erkrankungen lebten häufiger in Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status (χ2 = 49,04, p < 0,001; Abb. 2). In der unadjustierten Analyse hatten Eltern mit niedrigem sozioökonomischem Status fast doppelt so hohe Odds für ein auffälliges Depressionsscreening wie Eltern mit hohem sozioökonomischem Status (unadjustiertes Odds Ratio OR = 1,86; 95-%-KI 1,37; 2,54).

In einer hierarchischen logistischen Regressionsanalyse wurden Zusammenhänge zwischen psychischen Auffälligkeiten der Kinder im SDQ sowie Schweregrad der Erkrankung, elterlicher psychischer Belastung, sozioökonomischem Status sowie psychosozialer Belastungsfaktoren durch die Pandemie (u. a. vermehrte Familienkonflikte, finanzielle Belastung, Auswirkungen der Schulschließungen) untersucht. Die stärksten Prädiktoren psychischer Probleme waren komplex chronische Erkrankung, ein auffälliges elterliches Depressionsscreening, niedriger sozioökonomischer Status und vermehrte Familienkonflikte (Tab. 1). Kinder mit komplexen chronischen Erkrankungen, also Erkrankungen mit hohem Versorgungsbedarf, hatten 3-mal so hohe Odds für psychische Probleme wie Kinder ohne chronische Erkrankungen. Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status hatten 65 % höhere Odds für psychische Auffälligkeiten im SDQ als Kinder aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status. Ebenso zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Pandemie-assoziierten Belastungsfaktoren und psychischen Problemen.

Wesentliches für die Praxis . . .
  • Kinder und Jugendliche zeigen seit Beginn der Pandemie deutlich gestiegene Prävalenzen für psychische Belastungen, z. B. Angststörungen, Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten.
  • Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sind eine vulnerable Gruppe und sind noch häufiger betroffen.
  • Ein ausgeprägter sozialer Gradient führt dazu, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien ebenfalls häufiger betroffen sind.

Zusammenfassend zeigte sich in unserer Studie eine hohe Prävalenz psychischer Belastung, sowohl der Kinder und Jugendlichen als auch ihrer Eltern. Psychische Probleme der Kinder und Jugendlichen waren assoziiert mit dem Schweregrad der Erkrankung, sozioökonomischem Status, auffälligem elterlichem Depressions-Screening und Pandemie-assoziierten psychosozialen Belastungsfaktoren. Die Limitationen unserer Studie sind zum einen die nicht repräsentative Stichprobe sowie das Querschnittsdesign. Ein kausaler Zusammenhang der beschriebenen Assoziationen kann daher nicht abgeleitet werden. Die hohe Prävalenz psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen reiht sich jedoch in die Ergebnisse anderer Querschnittsstudien, wie z. B. der COPSY-Studie, ein [2].

Unsere Ergebnisse sollten jedoch im Kontext der selektiven Stichprobe interpretiert werden. Auch hier gibt es Studien in nicht repräsentativen Stichproben, die einen Anstieg psychischer Probleme bei Kindern mit vorbestehenden sonderpädagogischem Förderbedarf und neurodevelopmental disorders beschreiben [8, 9]. Ebenso zeigen sowohl Studien vor, als auch während der COVID-19-Pandemie Zusammenhänge zwischen einem niedrigen sozioökonomischen Status und psychischen Problemen auf [10 – 12]. Auch eine Assoziation von chronischen Erkrankungen und Behinderungen mit niedrigem sozioökonomischem Status wird beschrieben, wobei der kausale Zusammenhang bislang unklar ist [13].

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Es verdichten sich die Hinweise, dass die Pandemie und die politischen Maßnahmen zur ihrer Eindämmung weitreichende und anhaltende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und die Lebensqualität von Kindern, Jugendlichen und ihre Eltern haben (auf den Bildungsbereich konnten wir in dieser Arbeit nicht eingehen). Dabei sind nicht alle Kinder und Jugendlichen in gleichem Maße betroffen. Bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen sowie solchen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status handelt es sich um eine besonders vulnerable Gruppe im Hinblick auf ihre psychische Gesundheit..Die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen Kontrollmaßnahmen haben vorbestehende gesundheitliche Ungleichheiten durch eine Belastung vulnerabler Gruppen verstärkt. In der klinischen Patientenversorgung sowie in der Weiterentwicklung der pädiatrischen Versorgungsstrukturen sollten diese Auswirkungen der COVID-19-Pandemie unbedingt berücksichtigt werden.


Literatur
[1] Waite P, Pearcey S, Shum A, Raw JAL, Patalay P et al. (2021) How did the mental health symptoms of children and adolescents change over early lockdown during the COVID-19 pandemic in the UK? JCPP Adv 1 (1): 1 – 10
[2] Ravens-Sieberer U, Kaman A, Erhart M, Otto C, Devine J et al. (2021) Quality of life and mental health in children and adolescents during the first year of the COVID-19 pandemic: results of a two-wave nationwide population-based study. Eur Child Adolesc Psychiatry 1 – 14
[3] Racine N, McArthur BA, Cooke JE, Eirich R, Zhu J et al. (2021) Global Prevalence of Depressive and Anxiety Symptoms in Children and Adolescents during COVID-19: A Meta-analysis. JAMA Pediatr 175 (11): 1142 – 1150
[4] Bethell CD, Blumberg SJ, Stein REK, Strickland B, Robertson J et al. (2025) Taking stock of the CSHCN screener: A review of common questions and current reflections. Acad Pediatr [Internet] 15 (2): 165 – 176. Available from: http://dx.doi.org/10.1016/j.acap.2014.10.003
[5] Crawley E, Loades M, Feder G, Logan S, Redwood S et al. (2020) Wider collateral damage to children in the UK because of the social distancing measures designed to reduce the impact of COVID-19 in adults. BMJ Paediatr Open 4 (1): 1 – 4
[6] Ravens-Sieberer U, Erhart M, Devine J, Gilbert M, Reiss F et al. (2022) Child and Adolescent Mental Health During the COVID-19 Pandemic: Results of the Three-Wave Longitudinal COPSY Study. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=4024489orhttp://dx.doi.org/10.2139/ssrn.4024489
[7] Geweniger A, Barth M, Haddad AD, Högl H, Insan S et al. (2022) Impact of the COVID-19 Pandemic on Mental Health Outcomes of Healthy Children , Children With Special Health Care Needs and Their Caregivers – Results of a Cross-Sectional Study. Front Pediatr 10: 1 – 11
[8] Nonweiler J, Rattray F, Baulcomb J, Happé F, Absoud M (2020) Prevalence and associated factors of emotional and behavioural difficulties during COVID-19 pandemic in children with neurodevelopmental disorders. Children 7 (9): 7 – 10
[9] Raw JAL, Waite P, Pearcey S, Shum A, Patalay P et al. (2021) Examining changes in parent-reported child and adolescent mental health throughout the UK’s first COVID-19 national lockdown. J Child Psychol Psychiatry Allied Discip 62 (12): 1391 – 1401
[10]. Reiss F, Meyrose AK, Otto C, Lampert T, Klasen F et al. (2029) Socioeconomic status, stressful life situations and mental health problems in children and adolescents: Results of the German BELLA cohort-study. PLoS One 14 (3): 1 – 16. Available from: http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0213700
[11] Adegboye D, Williams F, Collishaw S, Shelton K, Langley K, et al. (2021) Understanding why the COVID-19 pandemic-related lockdown increases mental health difficulties in vulnerable young children. JCPP Adv 1 (1)
[12] Vizard T, Sadler K, Ford T, Newlove-Delgado T, McManus S et al. (2020) Mental Health of Children and Young People in England, 2020 [Internet]. NHS Digital. Available from: http://https://files.digital.nhs.uk/CB/C41981/mhcyp_2020_rep.pdf
[13] Spencer NJ, Blackburn CM, Read JM (2025) Disabling chronic conditions in childhood and socioeconomic disadvantage: A systematic review and meta-analyses of observational studies. Vol. 5, BMJ Open 5 (9): e007062


Autoren

Anne Geweniger, Thorsten Langer I Klinik für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Universitätsklinikum Freiburg

Korrespondenzadresse
© privat
Dr. Anne Geweniger, MSc

Klinik für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Freiburg
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Fax: 07 61/27 04 44 60

Interessenkonflikt
Autorin und Autor geben an, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2022; 93 (3) Seite 178-180